Über das Projekt

Diskutieren Sie über ein kontroverses Thema mit geschlossenen Augen. Diese auf den ersten Blick einfache und zugleich möglicherweise ungewöhnliche Handlungsanweisung hat eine Lehramtsstudentin in einem kunstdidaktischen Seminar für ihre Kommiliton:innen entwickelt. Ausgangspunkt waren sogenannte ›Event Scores‹. Dies sind kurze Anweisungen oder Handlungsimpulse, die ursprünglich aus der Fluxuskunst der 1960er kommen und in der Kunstpädagogik als Professionalisierungstool in der Lehrer:innenbildung momentan eine Aktualisierung erfahren (vgl. Schürch 2019). Sie sind meist kurz, stören Wahrnehmungsroutinen und können auf die eigenen, oftmals unhinterfragten und wirkmächtigen Erwartungshaltungen in pädagogischen Situationen und Verhältnissen aufmerksam machen. Scores intervenieren in die Gegenwart und können zu anderen Formen des Austauschs, Arbeitens und Fragens anregen. Sie spielen mit Sprache als Material, können aus Sound ebenso bestehen wie aus Objekten. Und wenn wir, wie Yoko Ono beispielsweise schreibt, einem Stein beim Altern zuhören sollen, dann wird nicht nur spürbar, dass das kaum machbar ist, sondern es zeigt sich zugleich, dass die menschliche Wahrnehmung und die zeitliche Architektur, in der wir leben und uns orientieren, nur eine mögliche unter vielen anderen ist. 

Andere Diskurspraktiken

Im oben erwähnten Fall diskutierten die Studierenden mit geschlossenen Augen über die medialen Infrastrukturen, in denen sie sich im Alltag und im Studium bewegen. Es entwickelte sich ein tastendes und vorsichtiges Sprechen. Es musste aufmerksam hin- und zugehört werden, um miteinander ins Gespräch zu kommen und zu bleiben. Ohne den Sehsinn und die unterstützende Interpretation von Gesten entwickelte sich ein anderes Sprechen, bei dem auch wortwörtliche Zwischentöne, die sonst oft überhört werden, plötzlich bedeutsam wurden.

Die Beschreibung der kurzen Begebenheit aus einem Seminar, an dem Lehramtsstudierende aus dem Fach Kunst teilgenommen haben, steht hier stellvertretend für eine an experimentellen Konstellationen interessierte Kunstpädagogik, die pädagogische Praxis als Raum für die Verhandlung gesellschaftlicher Herausforderungen und Fragen begreift. Denn mit geschlossenen Augen über ein kontroverses Thema zu diskutieren, rührt einerseits an ästhetischen Dimensionen, die unter anderem mit Akustik, Körperlichkeit, Raumwahrnehmung usw. zu tun haben. Es hat zugleich aber – und da weist das Geschehen über den engeren fachspezifischen Kontext hinaus – auch eine politische, soziale Dimension, indem der Auftrag temporär zu einer ungewohnten Situation, möglicherweise auch zu einer unerwarteten Gemeinschaft und zu einer anderen Diskurspraxis anregen kann.

Scores als experimentelle Mikroeinheiten (kunst-)pädagogischer Praxis 

Scores verstehen wir als experimentelle Mikroeinheiten pädagogischer Praxis, durch die Situationen erfahren und erprobt werden können, die sich einem internationalen Zugriff und einer Kontrolle zumindest kurzfristig entziehen. Scores können, je nach dem wie radikal sie formuliert und angelegt sind, in unterschiedlich starkem Maße dazu herausfordern, sich außerhalb der eigenen Komfortzone zu bewegen und sich auf Widersprüchliches, Ungewohntes und Mehrdeutiges einzulassen. 

Derartige Prozesse regen Fragen an, die gleichsam für Lehramtsstudierende und Lehrende im Fach Kunst und darüber hinaus interessante Perspektiven eröffnen können:

Warum fällt es schwer, sich auf ungewohnte, vielleicht sogar nicht-menschliche Perspektiven – zum Beispiel auf die eines Steins einzulassen? Wie können wir, auch wenn es mühsam scheint, komplexe Zusammenhänge und Krisen (wie Klimakrise, politische Polarisierungen, Migration, Automatisierung usw.) gemeinsam reflektieren lernen und warum kann es dabei Sinn machen, beispielsweise die Augen zu schließen? Wie kann es gelingen, gesellschaftliche, ökologische und politische Transformationsprozesse trotz ihrer Abstraktion sinnlich, bildlich erfahrbar zu machen?

Worum geht es auf dieser Website? 

Um die Erfahrungen und Ideen, die in Kooperation mit Akteur*innen aus verschiedenen kunstpädagogischen Feldern entstanden sind, für Kunstlehrpersonen, Kunstvermittler*innen, Lehramtsstudierende und Referendar*-innen zugänglich zu machen, ist diese Website entstanden: Neben einer stetig wachsenden Score-Sammlung werden größere Konzepte und durchgeführte Workshops zum Einsatz von Scores in (künstlerischen) Vermittlungskontexten vorgestellt. Forschungsarbeiten und Studienprojekte aus dem Praxissemester bieten darüber hinausgehende, vertiefende Perspektiven an, indem Scores als Movens empirischer Forschung methodisch und methodologisch  reflektiert werden. Gespräche, die wir unter anderem mit Studierenden, mit kooperierenden Künstler*innen und mit Maika Wolff – Kunstvermittlerin vom Museum Ostwall im Dortmund U – geführt haben, geben teils überraschende Einblick in die Potenziale und Herausforderungen einer Kunstvermittlung, die sich mit Scores beschäftigt. 

Eigene Scores und Ideen für Handlungsimpulse können hier eingereicht werden.  

Dank 

Das Projekt Performing Contingency ist ein Lehr- und Forschungsprojekt des KunstPädagogikLabors der Universität Duisburg-Essen. 

Das Projekt und die Website wurden gefördert durch die Zentrale Qualitätsverbesserungskommission der Universität Duisburg-Essen (Oktober 2025 – September 2026). Wir bedanken uns für das Vertrauen und die finanzielle Unterstützung, durch die die Realisierung des Projektes möglich wurde.

Zudem gilt ein großer Dank Eike Dingler, der sich als Grafiker sensibel und mit großem inhaltlichen Interesse auf unser Projekt und auf die Ideen der Studierenden eingelassen und ein vielschichtiges visuelles Konzept entwickelt hat. Ebenso möchten wir Leon Reindl herzlich  danken für die technische Gestaltung der Website und das große Engagement, das Projekt in eine passende und sehr ansprechende Website zu übersetzen. 

Zu guter Letzt danken wir allen Studierenden und Interessierten, die durch ihre Beiträge diese Website mit Material, Impulsen und Fragen füllen. 


Projektteam


Prof. Dr. Katja Böhme (Kunstpädagogik|Didaktik der Kunst, UDE)

A.UdK, M.Ed. Silke Wittig (wiMi, Kunstpädagogik|Didaktik der Kunst, UDE)

Pia Jodeleit (wiss. Hilfskraft, KunstPädagogikLabor UDE)

Tuğba Makal (wiss. Hilfskraft, Kunstpädagogik|Didaktik der Kunst und KunstPädagogikLabor UDE)