Welche Potenziale bieten Scores – aus dem Fluxus bekannte Handlungsanweisungen für Aktionen und Performances – für Vermittlungsprozesse? Welche kunstnahen Praktiken können ästhetische Prozesse anstoßen und subjektive Zugänge zu Germaine Krulls vielschichtigem Werk eröffnen? Und welche Rolle spielt dabei die eigene Situierung? Diese Fragen bildeten im Kunstdidaktik Seminar „Von Manifesten, Scores und Widerständen – Künstlerisch Forschen und Vermitteln“ die Grundlage für die Mitgestaltung des Vermittlungsraumes der von Kerstin Meincke, Petra Steinhardt und Thomas Seelig kuratierten Ausstellung „Germaine Krull: Chien Fou. Autorin und Fotografin“ im Museum Folkwang.

Im Rahmen der Kooperation zwischen der Universität Duisburg-Essen und dem Museum Folkwang setzten sich die Studierenden gemeinsam mit den Teilnehmenden des kunstwissenschaftlichen Seminars „Schreiben und Fotografieren. Ein Projekt zur Künstlerin Germaine Krull am Museum Folkwang, Essen“ bei Kerstin Meincke mit Germaine Krulls fotografischem Werk und ihren Schriften, ihrem Manifest zur Fotografie und weiteren künstlerischen Manifesten der Avantgarde auseinander, um ein Ausstellungs- und Vermittlungskonzept zu entwickeln. Während im kunstwissenschaftlichen Seminar eine von den Studierenden kuratierte Ausstellungsbibliothek mit Leihgaben der Universitätsbibliothek und eine Wand mit Zitaten und Gedanken entstand, entwickelten die Teilnehmenden des Kunstdidaktik Seminars eine interaktive Situation im Vermittlungsraum.

Auf Grundlage von im Seminar erarbeiteten Theorien zu Kontingenzerfahrungen und kritischen Vermittlungsansätzen, praktischen Erprobungen von historischen Scores und Workshops zur musealen Vermittlung bei Peter Daners (Kurator Bildung und Vermittlung, Museum Folkwang) und Sarah Bockting (wissenschaftliche Mitarbeiterin Bildung und Vermittlung, Museum Folkwang) entwickelten die Studierenden gemeinsam eine Vielzahl von Scores. Diese wurden in kleinen Gruppen im Museum erprobt, reflektiert und adaptiert. Rund 50 Scores wählten die Studierenden schließlich aus und platzierten diese an einer der Ausstellungswände im Vermittlungsraum und in der Ausstellungsbibliothek. Die Scores sollten Besucher:innen einladen, mit der Ausstellung zu interagieren, Eindrücke zu reflektieren und zielten darauf ab, durch Irritationen und konkrete Handlungsaufforderungen performative Zugänge zum vielschichtigen Werk Krulls und Kontingenzerfahrungen zu ermöglichen.

Ein Themenbereich, der bei der Erarbeitung des Vermittlungskonzepts immer wieder in den Fokus der Diskussionen rückte und Anlass zu Reflexionen von Rollenverständnis und Situierung von Vermittler:innen und Besucher:innen bot, war Germaine Krulls Weg ins Exil und ihre damit verbundenen Erfahrungen. Bei der Betrachtung von Aufzeichnungen und Erfahrungsberichten Krulls und ihrer Weggefährt:innen und im Dialog mit ausgewählten Werken der während des Aufbaus der Krull-Ausstellung bereits laufenden Ausstellung von William Kentridge entwickelten die Studierenden Scores, die sich gezielt auf den Themenkomplex der Passage von Marseille nach Martinique bezogen und persönliche Erfahrungen und Perspektiven anvisierten.

Die Stimmen und Erfahrungen der Besucher:innen sollten hierbei nicht im luftleeren Raum verharren, so wurde die Vermittlungssituation interaktiv gestaltet: Die Besucher:innen der Ausstellung waren eingeladen, ihre Gedanken, Reaktionen und Ausführungen der Scores an der Ausstellungswand zu hinterlassen und sich somit zu beteiligen. Im Raum wurden Stifte und Papier bereitgestellt, außerdem konnten die Scores im kleinen Format mitgenommen werden, um Gedanken aus der Ausstellung mit nach Hause zu nehmen. Über die Dauer der Ausstellung veränderte der Raum sich kontinuierlich, Gedanken, Zeichnungen und Kommentare häuften sich, bezogen sich aufeinander, ermöglichten Dialoge und neue Impulse. Als Ergänzung zur Ausstellung entwickelten die Studierenden zudem eigene Vermittlungsideen und Score-Konzepte, die sie im Rahmen des öffentlichen Begleitprogramms umsetzten.

Teilnehmende Studierende:

Lilly Butzer, Theresa Dieckmann, Emilia Dyla, Esma Evrin, Lukas Förster, Sarah Höterkes, Kan Kan Hu, Kevin Kepe, Tatjana Krüger-Bulut, Alina Magdt, Rochsar Nayebkhail, Anastasia Prasinou, Leana Richardt, Gina Rose, Lynn Stumpf, Menus Teyhani, Emilia von der Weppen, Julia Wolter

Urheberin: Silke Wittig