Diese Masterarbeit, die im Rahmen einer empirischen Untersuchung von Bewegungspraktiken im Kunstunterricht einer achten Klasse entstanden ist, macht Scores zum Forschungsinstrument und zugleich zum didaktischen Mittel, die dazu beitragen, konventionalisierte, habitualisierte Bewegungs- und Handlungslogiken des Schulischen sichtbar zu machen. Mithilfe eines aufeinander aufbauenden, rekonstruktiven Forschungsdesigns aus Beobachtung, Reflexion, performativer Aufführung und score-basierter Intervention werden die Bewegungspraktiken der Schüler:innen nachgezeichnet und reflektiert. Dabei zeigt sich, dass die Offenheit der Scores auf die Beharrlichkeit schulischer Praxis und Ordnung trifft.

Eine empirische Untersuchung von Bewegungspraktiken im Kunstunterricht.

Die Masterarbeit richtet den Fokus auf den Einsatz von Scores im empirischen und pädagogischen Setting. Im Zentrum steht die Frage, welche Dimensionen von Kunstunterricht beispielhaft durch gezielte Score-basierte Interventionen, die experimentelle Bewegungspraktiken provozieren, sichtbar und verhandelbar werden. Ausgangspunkt der Untersuchung war das Interesse, alltägliche Kernpraktiken und Nebenbei-Bewegungen einer achten Klasse im Kunstunterricht mithilfe von Bewegungsscores auf ihr performatives Potenzial hin zu untersuchen. Im Verlauf der empirischen Forschung verschob sich das Erkenntnisinteresse. Das Material zeigt, dass die entwickelten Scores weniger performative Veränderungen alltäglicher Bewegungen hervorrufen, als vielmehr Dimensionen von Kunstunterricht und Schule sichtbar machen. Erkenntnisse entstehen dabei insbesondere dort, wo die Interventionen nicht zu den erwarteten Veränderungen führen, sondern Reaktionen hervorbringen, mit denen zuvor nicht gerechnet wurde.

Die empirische Untersuchung folgt einem linearen Forschungsdesign, in dem Scores zugleich Forschungsinstrument, didaktisches Mittel und Teil des Forschungsgegenstandes sind. In vier aufeinander aufbauenden Schritten wurden zunächst Bewegungspraktiken der Schüler*innen in einer regulären Kunststunde beobachtet, anschließend gemeinsam reflektiert und performativ aufgeführt. Aus diesen beobachteten Bewegungspraktiken wurden spezifische Bewegungsscores entwickelt, die in einer weiteren Unterrichtsintervention durchgeführt wurden. Video- und Audioaufzeichnungen, schriftliche Reflexionen, zeichnerische Rekonstruktionen der Analysefälle sowie ein Gruppeninterview bilden die Grundlage der rekonstruktiven Auswertung.

Im Fall „Klein – Groß – Klein | Bearbeite Wasser mit Ton“ zeigt sich beispielhaft, wie aus den zunächst beobachteten Bewegungen erste performative Antwortversuche hervorgehen, durch weitere Score-basierte Interventionen verändert und schließlich zu einem Fall zusammengeführt werden. In der ersten Beobachtungsstunde arbeiteten die Schüler*innen selbstständig an ihren Tonfiguren, die sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befanden. Die Bewegungen wurden dabei nicht ausschließlich hinsichtlich ihrer Technik und ihres Zwecks betrachtet, sondern möglichst detailliert auf motorische Aspekte hin beobachtet und anschließend beschrieben. Eine der beobachteten Bewegungen war das Bearbeiten des Tons mithilfe von Wasser, die den Arm- und Handbewegungen zugeordnet wurde. Dabei wurden die Oberflächen mit den nassen Fingern glattgestrichen. Der Bewegungsradius war auf den Arbeitsbereich zwischen Tonobjekt und Wasserbecher begrenzt. In der zweiten Erhebungsstunde wurden Bewegungspraktiken thematisiert, die die Schüler*innen selbst als relevant für ihren Kunstunterricht wahrnahmen. Dazu gehörte auch die Bearbeitung von Ton mit Wasser. Die von den Schüler*innen in Gruppen ausgewählten Bewegungspraktiken aus ihrem Kunstunterricht wurden in einem ersten performativen Antwortversuch ohne die Verwendung von Material aufgeführt. In der Aufführung des Tonbearbeitens, ohne Ton verwenden zu dürfen, zeigt sich eine durch die Intervention hervorgerufene erste Veränderung der Bewegung: Der Bewegungsradius vergrößert sich deutlich. Diese Veränderung wurde zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht in diesem Maße wahrgenommen und analysiert. Im Anschluss an diese Stunde konzentrierte sich die weitere Arbeit zunächst auf die Entwicklung der Scores. Jede aufgeführte Bewegungspraktik sollte einen eigenen Score erhalten, der möglicherweise dazu in der Lage war, der jeweiligen Bewegung ein performatives Potenzial zu verleihen. Dieser Schwerpunkt war zu diesem Zeitpunkt noch ausschlaggebend für die weitere Arbeit. Es wurden mehrere Scores entwickelt, die sich mit dem Material, dem Raum und dem Körper beschäftigten und jeweils auf die zuvor beobachteten Bewegungspraktiken reagierten. Für die Bewegung des Tonbearbeitens wurde der Score „Bearbeite Wasser mit Ton“ entwickelt. Die durch das Entfernen des Materials hervorgerufene Veränderung der Bewegung blieb dabei weiterhin von Interesse und führte zu der Entscheidung für einen Score, der sich ebenfalls mit dem Material der Bewegung beschäftigte. Im Zentrum stand die Frage, wie sich die Bewegung verändern würde, wenn das zu bearbeitende Material ausgetauscht wird. Entgegen dieser Erwartung wurde der Bewegungsradius bei der Durchführung des Scores erneut sehr klein. Der Ton wurde im Wasser aufgelöst und war dabei fast nicht sichtbar. Der Fall macht damit exemplarisch die Gebundenheit von habitualisierter Bewegungspraktik und Material sichtbar und verhandelbar.

Die Analyse weiterer Fälle zeigt, dass Score-basierte Interventionen vor allem konventionalisierte Dimensionen schulischer Bewegungspraktiken sichtbar machen. Die mit den Scores intendierte Öffnung experimenteller Handlungsspielräume führt nicht dazu, dass bestehende Routinen verlassen werden. Vielmehr behaupten sich schulische Konventionen gegenüber der Offenheit der Scores. Obwohl die Scores unterschiedliche Bewegungs- und Wahrnehmungsweisen ermöglichen, orientieren sich die Schüler*innen überwiegend an vertrauten schulischen Handlungslogiken. Sie suchen nach einer richtigen Lösung, erfüllen Erwartungen, stellen Produkte her und bewegen sich innerhalb der ihnen bekannten Regeln des Unterrichts. 

Für eine experimentelle Praxis mit Bewegung und Scores im Kunstunterricht bedeutet dies, dass Offenheit nicht einfach vorausgesetzt werden kann. Ein Score ist im schulischen Kontext nicht automatisch offen, nur weil er offen formuliert ist. Er trifft auf Schüler*innen, die gelernt haben, Aufgaben als Aufgaben zu verstehen, Erwartungen zu erfüllen, Produkte herzustellen, Regeln einzuhalten, sich vorzubereiten, habitualisierte Praktiken abzurufen und Unterrichtssituationen handhabbar zu machen. Das Erkenntnispotenzial der Scores liegt deshalb nicht allein in der Hervorbringung performativer Ereignisse, sondern in ihrer Fähigkeit, genau jene Strukturen sichtbar werden zu lassen, die das Handeln im Unterricht gewöhnlich organisieren. Die Arbeit erweitert bestehende kunstpädagogische Forschungszusammenhänge um eine empirisch-didaktische Perspektive auf Bewegungsscores im Kunstunterricht und zeigt, dass die Begegnung zwischen der Offenheit der Scores und der Beharrlichkeit schulischer Praxis einen eigenständigen Erkenntnisraum eröffnet. 

Offizieller Titel:

Bewegungspraktiken von Schüler*innen im Kunstunterricht mit Hilfe von Score-basierten Interventionen untersuchen: Eine empirische Studie am BMV-Gymnasium Essen.

Kontaktinformationen:

Alina Altena

alina.altena@gmx.de

Bildmaterial:

Titelbild: Schraffieren

Abb I: Das würde ich sonst nicht machen | Hole Zeitung. Gehe auf einer geraden Linie.

Abb II: Klein – Groß – Klein | Bearbeite Wasser mit Ton.

Abb III: Ton-Stift und Hand-Handy | Zeichne mit Ton. | Scanne den Raum mit deinen Händen.

Abb IV: Am Ende soll etwas zu sehen sein | Springe über deinen Schatten. Schraffiere Ihn. | Schraffiere einen Apfel. Schraffiere auf einen Apfel.

Abb V: Das können wir so für das Tonwerkzeug übernehmen | Schneide Ton mit der Schere.

Abb VI: Bewegungsscores Sammlung